
Die Stille vor dem Regen: Warum Chinas Autonome das Wetter beherrschen und Waymo noch nicht
Während Waymo in Atlanta und Houston den Dienst einstellt, weil seine Robotaxis auf überfluteten Straßen stranden, fahren chinesische Systeme von Huawei, Baidu und Pony.ai längst durch den Monsun. Ein Blick auf die technischen und strategischen Unterschiede, die die globale Vormachtstellung im autonomen Fahren neu ordnen könnten.
Die Stille vor dem Regen
Es war ein Bild, das um die Welt ging: Ein leerer Waymo-Robotaxi, ein Jaguar I-Pace mit Lidar-Aufsatz, stand bis zur Achse im Wasser einer Atlantastraße. Die Insassen? Fehlanzeige. Das Fahrzeug hatte sich selbst in die Flut manövriert, war steckengeblieben und wurde erst eine Stunde später geborgen. Der Vorfall, Ende Mai 2026, war nicht der erste seiner Art. Waymo hatte bereits in San Antonio, Dallas und Houston den Betrieb wegen heftiger Regenfälle eingestellt. In San Antonio war ein Robotaxi sogar weggespült worden.
„Safety is Waymo's top priority“, ließ das Unternehmen verlautbaren. Doch die Realität sah anders aus: Waymo gab zu, noch keine endgültige Lösung für das Problem der überfluteten Straßen zu haben. Ein Software-Update, das den Fahrzeugen verbieten sollte, bei erhöhter Regenwahrscheinlichkeit auf Schnellstraßen zu fahren, hatte nicht verhindert, dass ein Wagen in Atlanta in eine überflutete Kreuzung einbog. Die National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) leitete eine Untersuchung ein.
Während Waymo also in den USA pausiert, seine Flotte von knapp 4.000 Fahrzeugen zurückruft und an der Westküste sogar die Freeway-Fahrten einstellt – weil die Fahrzeuge in Baustellen die Orientierung verlieren –, vollzieht sich in China eine stille Revolution. Eine, die nicht mit großen Ankündigungen, sondern mit nassen Reifen beginnt.
Der Monsun-Test
In Guangzhou, einer Stadt im Süden Chinas, die regelmäßig von Taifunen heimgesucht wird, testet Pony.ai seine Robotaxis seit Jahren unter Bedingungen, die Waymo in den USA zur Aufgabe zwingen. „Regen ist für uns kein Grund, den Betrieb einzustellen“, sagte ein Ingenieur des Unternehmens kürzlich auf einer Konferenz. „Wir trainieren unsere Modelle gezielt mit Daten aus dem Monsun.“
Das ist kein Zufall. Chinas autonome Fahrzeugentwickler – von Huawei mit seinem ADS-System über Baidu Apollo bis hin zu XPeng und NIO – haben einen entscheidenden Vorteil: Sie testen in einer der vielfältigsten und extremsten Verkehrsumgebungen der Welt. Während Waymo in den trockenen, übersichtlichen Straßen von Phoenix, Arizona, begann, sammeln chinesische Firmen Daten auf den verstopften, chaotischen Straßen von Peking, Shanghai und Guangzhou. Sie kennen den Nebel, den Smog, den Regen, den Schnee – und vor allem: die unberechenbaren anderen Verkehrsteilnehmer.
Huawei, das mit seinem ADS 3.0 System in Fahrzeugen von Aito, Avatr und Luxeed bereits Tausende von Kunden erreicht, hat einen Ansatz gewählt, der sich fundamental von dem Waymos unterscheidet. Waymo setzt auf hochauflösende Karten, teure Lidar-Sensoren und eine extrem konservative Fahrstrategie. Huawei setzt auf ein neuronales Netz, das aus Milliarden von Kilometern realer Fahrdaten lernt und in der Lage ist, auch ohne perfekte Karte zu navigieren. Das System ist günstiger, skalierbarer – und offenbar wetterfester.
Die Zahlen lügen nicht
Ein Blick auf die Sicherheitsdaten bestätigt den Trend. Waymo hat in den USA eine beachtliche Bilanz: Seit dem Start des kommerziellen Betriebs in San Francisco im August 2023 haben die Fahrzeuge Hunderte Millionen Kilometer zurückgelegt, mit einer Unfallrate, die deutlich unter der menschlicher Fahrer liegt. Doch die jüngsten Vorfälle zeigen eine systematische Schwäche: Die Fahrzeuge sind auf ideale Bedingungen optimiert. Sie scheitern an den Ausnahmen – an Regen, an Baustellen, an unerwarteten Hindernissen.
Chinesische Systeme hingegen haben eine andere Philosophie. Sie sind darauf ausgelegt, mit dem Chaos zu leben. XPeng, dessen XNGP (Xpeng Navigation Guided Pilot) mittlerweile in über 200 chinesischen Städten verfügbar ist, hat einen „City NGP“-Modus entwickelt, der ohne hochauflösende Karten auskommt. Das System navigiert per „Occupancy Network“ – es erkennt freie Räume, nicht nur Objekte. Das macht es robuster gegenüber unvorhergesehenen Situationen. Ein umgestürzter Baum, ein Schlagloch, eine Pfütze, die eigentlich ein Schlagloch ist – das System erkennt den freien Raum und fährt hindurch, nicht dagegen.
NIO, mit seinem NIO Pilot (NOP), verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Das System wird in Echtzeit über die Cloud aktualisiert und lernt aus den Fahrdaten aller NIO-Fahrzeuge. Wenn ein NIO in Shanghai eine neue Baustelle erkennt, wissen es alle anderen innerhalb von Minuten. Waymo hingegen aktualisiert seine Karten nur in regelmäßigen Abständen – ein entscheidender Nachteil in einer sich ständig verändernden Umgebung.
Die große Expansion: 200.000 Fahrzeuge in fünf Jahren
Der vielleicht spektakulärste Schritt kommt von WeRide, einem Unternehmen, das in China bereits Robotaxis, Robobusse und sogar autonome Müllfahrzeuge betreibt. Gemeinsam mit Lenovo kündigte WeRide im Mai 2026 an, innerhalb von fünf Jahren 200.000 autonome Fahrzeuge weltweit auszuliefern. Das ist eine Zahl, die Waymo, Cruise oder Tesla in den Schatten stellt. WeRide setzt dabei auf ein modulares System, das in verschiedene Fahrzeugtypen integriert werden kann – vom Kleinbus bis zum Lieferwagen. Die Partnerschaft mit Lenovo bringt nicht nur Produktionskapazitäten, sondern auch globale Vertriebswege.
WeRide ist dabei nur ein Beispiel. Baidu Apollo, der älteste und größte Player im chinesischen Autonomie-Ökosystem, hat seine Robotaxi-Flotte inzwischen auf über 1.000 Fahrzeuge in mehr als zehn Städten ausgeweitet. Das Unternehmen hat angekündigt, bis 2027 in 100 Städten präsent zu sein. DiDi, der chinesische Uber-Konkurrent, testet seine zweite Generation des Robotaxis (R2) in Peking und Shanghai. Bosch, der deutsche Zulieferer, führt Level-3-Tests in China durch – nicht in Deutschland.
Die Zahlen sind beeindruckend: Während Waymo in den USA etwa 4.000 Fahrzeuge betreibt, kommt allein Baidu auf über 1.000. Addiert man die Flotten von Pony.ai, WeRide, DiDi und den Pkw-Herstellern wie XPeng und NIO, kommt man auf ein Vielfaches. Und während Waymo in vier Städten pausiert, fahren chinesische Robotaxis in Dutzenden Städten – bei Regen, Schnee und Smog.
Die deutsche Perspektive: Zwischen Hoffen und Bangen
Während China und die USA um die Vorherrschaft kämpfen, schaut Deutschland zu. Die Nachrichten sind widersprüchlich: Einerseits wird München zum Testgelände für Uber und Moia, die mit dem serienreifen ID. Buzz AD einen autonomen Kleinbus präsentieren. Andererseits zeigt ein Bericht von VISION mobility, dass deutsche Autobauer im Vergleich zu Tesla und den chinesischen Konkurrenten ins Hintertreffen geraten.
Elon Musk hat Tesla FSD (Supervised) nach Europa gebracht – zunächst in die Niederlande und nach Litauen. Die EU-weite Zulassung scheint nur eine Frage der Zeit. Währenddessen kämpfen deutsche Hersteller mit regulatorischen Hürden und technischen Rückständen. Bosch testet Level 3 in China, nicht in Wolfsburg oder Stuttgart. Das ist kein Zufall: China bietet nicht nur riesige Testgebiete, sondern auch eine Regierung, die autonomem Fahren höchste Priorität einräumt. In Deutschland hingegen blockieren Datenschutzbedenken, Haftungsfragen und eine zögerliche Politik die Einführung.
Der entscheidende Unterschied: Daten, Daten, Daten
Der Wettbewerb im autonomen Fahren ist ein Datenwettbewerb. Wer die meisten Kilometer fährt, sammelt die meisten Daten, trainiert die besten Modelle und wird am Ende gewinnen. Chinesische Unternehmen haben hier einen strukturellen Vorteil: Sie operieren in einem Markt mit 1,4 Milliarden Menschen, einer extrem hohen Dichte an Elektrofahrzeugen und einer Regierung, die den Datentransfer fördert. Waymo und Tesla müssen sich mit strengen Datenschutzgesetzen, fragmentierten Märkten und einer skeptischen Öffentlichkeit herumschlagen.
Hinzu kommt ein kultureller Unterschied: In China ist die Akzeptanz für autonomes Fahren deutlich höher. Eine Umfrage von McKinsey aus dem Jahr 2025 ergab, dass über 70 Prozent der chinesischen Autofahrer bereit wären, ein autonomes Fahrzeug zu nutzen. In den USA waren es nur 45 Prozent, in Deutschland sogar nur 30 Prozent. Das hat praktische Konsequenzen: Mehr Nutzer bedeuten mehr Daten, mehr Feedback und schnellere Iterationen.
Die Schattenseiten
Doch so glänzend die chinesische Erfolgsgeschichte auch erscheint, sie hat ihre Schattenseiten. Die Sicherheitsdaten chinesischer Systeme sind oft schwer zu überprüfen. Während Waymo und Tesla in den USA detaillierte Unfallberichte an die NHTSA melden müssen, sind die Berichtspflichten in China weniger streng. Vorfälle werden seltener öffentlich gemacht. Als im April 2025 ein XPeng-Fahrzeug mit aktiviertem XNGP in einen Unfall verwickelt war, dauerte es Tage, bis das Unternehmen eine Stellungnahme abgab.
Auch die Frage der Fernsteuerung ist heikel. Tesla hat zugegeben, dass seine Robotaxis in Austin von Teleoperatoren ferngesteuert wurden – und dabei zwei Unfälle verursacht haben. In China ist die Fernsteuerung noch weiter verbreitet. Viele Robotaxis werden in schwierigen Situationen von einem menschlichen Operator übernommen, der Hunderte Kilometer entfernt sitzt. Das ist keine echte Autonomie – es ist eine kostengünstige Alternative, die aber Sicherheitsrisiken birgt.
Der Ausblick: Wer wird gewinnen?
Die Frage ist nicht, ob autonomes Fahren kommt – sondern wer es dominieren wird. Waymo hat zwar die Nase vorn bei der Sicherheit und der öffentlichen Wahrnehmung, aber die jüngsten Pannen zeigen, dass der Ansatz des Unternehmens an seine Grenzen stößt. Chinesische Unternehmen sind agiler, datenreicher und pragmatischer. Sie testen unter realistischeren Bedingungen und skalieren schneller.
Doch der entscheidende Faktor könnte die Politik sein. Die USA haben mit Zöllen und Exportkontrollen versucht, chinesische Technologie fernzuhalten. Das hat chinesische Unternehmen gezwungen, in andere Märkte auszuweichen – nach Südostasien, in den Nahen Osten, nach Afrika und Europa. WeRide und Lenovo planen 200.000 Fahrzeuge weltweit. Baidu ist inzwischen in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten aktiv. Pony.ai testet in Singapur.
Am Ende wird sich die Technologie durchsetzen, die am besten mit der realen Welt umgeht – und nicht nur mit der idealen. Und die reale Welt ist nass, chaotisch und unberechenbar. Die chinesischen Systeme lernen das jeden Tag. Waymo muss erst noch einen Weg finden, durch den Regen zu fahren, ohne stehenzubleiben.
Die Stille vor dem Regen – sie ist in Atlanta, Dallas und Houston eingekehrt. In Guangzhou und Peking ist sie längst vorbei.
Quellen
- Waymo expands pause to four cities as robotaxis keep driving into floods
- Waymo halts freeway rides after robotaxis struggle in construction zones
- Tesla’s Full Self-Driving software is creeping into Europe
- Tesla reveals two Robotaxi crashes involving teleoperators
- Waymo issues recall to deal with a flooding problem
- Uber partner Avride is under investigation for self-driving crashes
- Aurora’s Chris Urmson on why self-driving trucks are finally ready to scale
- Nuro receives driverless testing permit ahead of Uber robotaxi service launch
- WeRide Inc.: WeRide and Lenovo Collaborate to Deploy 200,000 Autonomous Vehicles Globally Over Five Years - FinanzNachrichten.de
- Bosch: Level 3 tests in China and Mobility revenue rises by 4.9 percent - VISION mobility
- Munich becomes a testing ground for Uber's autonomous ride services - Taxi Heute
- DiDi Autonomous Driving: Robotaxi R2 Fleet Begins Real-World Testing - IAA Mobility
- Moia: Series-ready ID. Buzz AD presented - TRANSPORT - die Zeitung für den Güterverkehr
- Elon Musk vs. German automakers: The race for autonomous driving - VISION mobility
Weitere Artikel


