500 Robo-Taxis ohne Fahrer – doch Chinas Sicherheit ist eine Blackbox
Autonomes Fahren

500 Robo-Taxis ohne Fahrer – doch Chinas Sicherheit ist eine Blackbox

China prescht mit fahrerlosen Robotaxis vor – doch während Waymo in den USA mit Pannen kämpft, fehlen zu Huawei, Baidu & Co. unabhängige Sicherheitsdaten. Wer gewinnt, wer verliert?

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500 Fahrzeuge. Null Sicherheitsfahrer. Vollständig kommerziell. Seit 2022 fährt Baidu Apollo Go in Wuhan ohne menschliches Backup – ein globaler Rekord. Doch während Waymo in Atlanta mit überfluteten Straßen kämpft und Avride in Texas von der US-Verkehrssicherheitsbehörde untersucht wird, schweigt China zu den Risiken. Die Zahlen sind beeindruckend, die Transparenz gleich null. Was bedeutet das für den globalen Wettbewerb um autonomes Fahren?

Die Flotte, die niemand stoppt

Baidu Apollo Go betreibt in Wuhan die weltweit größte Robotaxi-Flotte im fahrerlosen Betrieb. 500 Fahrzeuge, 65 Städte in Planung, über 1 Million Fahrten pro Monat. Zum Vergleich: Waymo kommt in den USA auf etwa 700 Fahrzeuge – mit Sicherheitsfahrern. Pony.ai und WeRide folgen mit jeweils über 200 Fahrzeugen in Guangzhou und Peking. Xpengs XNGP-System ist in 200 chinesischen Städten aktiv, Huaweis ADS 3.0 steckt in Serienfahrzeugen wie dem AITO M7.

Doch die schiere Größe täuscht. Während Waymo seit Mai 2026 in fünf US-Städten pausiert, weil seine Fahrzeuge in Überschwemmungen fahren, gibt es aus China keine vergleichbaren Meldungen über Systemausfälle. Keine Rückrufe, keine behördlichen Untersuchungen, keine öffentlichen Debatten über Sicherheit. Dabei ist die Technologie nicht weniger anfällig: Im März 2026 blieben in Wuhan etwa 100 Baidu-Fahrzeuge plötzlich stehen – ein „Systemfehler“, wie das Unternehmen lapidar mitteilte. Details? Fehlanzeige.

„Safety is Waymo’s top priority, both for our riders and everyone we share the road with.“ Der Satz aus Waymos Statement nach dem Atlanta-Vorfall wirkt wie Hohn, wenn man die chinesische Realität dagegenhält. Dort gibt es keine öffentlichen Sicherheitsberichte, keine unabhängigen Audits, keine NHTSA-äquivalente Behörde, die Vorfälle dokumentiert. Die chinesische Regierung hat zwar im April 2024 als erstes großes Land Level-3-Autonomie auf öffentlichen Straßen erlaubt – doch die Regulierung gilt nur für „zertifizierte Straßenabschnitte“. Was außerhalb dieser Zonen passiert, bleibt im Dunkeln.

LiDAR vs. Kamera: Der große Technologie-Wettlauf

Huaweis ADS 3.0 verzichtet komplett auf LiDAR – eine radikale Abkehr vom Branchenstandard. Stattdessen setzt das System auf Kameras und Millimeterwellenradar. Huawei behauptet, damit eine „Parität“ zu LiDAR-Systemen in der Stadtnavigation zu erreichen. Doch die Beweise fehlen. Unabhängige Tests? Nicht öffentlich. Vergleichsdaten mit Waymo oder Cruise? Gibt es nicht.

Ganz anders Baidu: Apollo Go nutzt eine Kombination aus LiDAR, Radar und Kameras – ähnlich wie Waymo. Doch während Waymo seine Sicherheitsdaten offenlegt (wenn auch mit Verzögerung), bleibt Baidu eine Blackbox. Die einzige verfügbare Zahl: 1 Million Fahrten pro Monat. Wie viele Beinahe-Unfälle? Wie viele Systemabstürze? Wie viele manuelle Übernahmen? Unbekannt.

Xpeng geht einen Mittelweg: Das XNGP-System nutzt Nvidias Orin-Chip mit 254 TOPS Rechenleistung und ist in 200 Städten aktiv. Doch auch hier fehlen belastbare Sicherheitsdaten. Die einzige Transparenz kommt von den Börsen: WeRide und Pony.ai sind seit 2024 an der NYSE gelistet – und müssen daher zumindest finanzielle Risiken offenlegen. Doch technische Details? Bleiben unter Verschluss.

Europa schläft – und China expandiert

Während die USA und China um die Vorherrschaft im autonomen Fahren kämpfen, hinkt Europa hinterher. In Deutschland erlaubt das Straßenverkehrsgesetz (StVG) seit 2021 Level 4 auf definierten Betriebsbereichen – genutzt wird es bisher nur im Hamburger Hafen für ein Shuttle-Projekt. Kommerzielle Robotaxis? Fehlanzeige.

Doch China drängt bereits auf den europäischen Markt. Das chinesische Unternehmen ZYT (卓驭科技) hat im Mai 2026 seinen europäischen Hauptsitz in Braunschweig eröffnet – mitten im Herzen der deutschen Autoindustrie. Die Strategie ist klar: „Further Together“. ZYT arbeitet bereits mit Volkswagen an einem POC für den ID. Buzz und mit China Heavy Truck an autonomen Lkw-Lösungen für Europa.

„Wir sehen eine wachsende Nachfrage nach autonomen Lösungen, die ohne hochpräzise Karten auskommen“, sagt ZYT-CEO Shen Shaojie. Sein Unternehmen setzt auf ein „ursprüngliches multimodales Basismodell“, das ohne teure LiDAR-Karten funktioniert. Eine direkte Kampfansage an Waymo und Cruise, die auf zentimetergenaue Kartierung setzen.

Doch die Expansion hat einen Haken: Europa verlangt Transparenz. Die EU plant strengere Sicherheitsvorschriften für autonome Fahrzeuge – inklusive unabhängiger Audits und öffentlicher Berichterstattung. China hingegen setzt auf Geschwindigkeit. Wer zuerst die Technologie beherrscht, diktiert die Standards.

Die Kostenfrage: Wer kann sich Autonomie leisten?

Autonomes Fahren ist teuer. Waymo gibt jährlich über 1 Milliarde Dollar für Entwicklung aus – und macht trotzdem Verluste. Baidu Apollo Go soll bereits profitabel sein, doch konkrete Zahlen fehlen. Die einzige verfügbare Kostenschätzung kommt von McKinsey: Demnach kostet ein autonomes Fahrzeug heute etwa 150.000 Dollar – zu viel für den Massenmarkt.

Doch China hat einen entscheidenden Vorteil: staatliche Unterstützung. Die Regierung subventioniert nicht nur die Entwicklung, sondern auch die Infrastruktur. In Wuhan wurden ganze Stadtteile für autonome Fahrzeuge umgerüstet – mit V2X-Kommunikation, dedizierten Fahrspuren und Echtzeit-Datenübertragung. In Europa fehlt diese Infrastruktur. In den USA kämpfen Unternehmen wie Waymo mit lokalen Widerständen und regulatorischen Hürden.

Hinzu kommt der Preis für die Hardware. Huaweis LiDAR-freies System soll deutlich günstiger sein als die Konkurrenz. Doch ohne unabhängige Tests bleibt unklar, ob die Sicherheit darunter leidet. BYD geht einen anderen Weg: Das Unternehmen bietet sein „Tianshen Zhi Yan“-System (mit LiDAR) für umgerechnet 12.000 Euro als Option an – ein Bruchteil der Kosten für Waymos Hardware.

Das große Schweigen: Warum China keine Daten liefert

Die größte Frage bleibt: Warum gibt es keine unabhängigen Sicherheitsdaten aus China? Die Antwort liegt im politischen System. Die chinesische Regierung kontrolliert nicht nur die Regulierung, sondern auch die Berichterstattung. Negative Meldungen über autonome Fahrzeuge würden das Narrativ der technologischen Überlegenheit gefährden.

Doch das Schweigen hat einen Preis. Ohne Transparenz bleibt unklar, ob Chinas Systeme wirklich sicherer sind – oder ob sie einfach nur weniger gemeldet werden. Waymo hat seit 2024 mehrere Rückrufe durchgeführt, darunter wegen Kollisionen mit Schulbussen und parkenden Fahrzeugen. Avride wird von der NHTSA untersucht, weil seine Fahrzeuge in 16 Unfälle verwickelt waren. Aus China? Keine vergleichbaren Meldungen.

„Local fallback is critical“, sagt Sam Abuelsamid von Telemetry. Doch während Waymo und Tesla an Backup-Systemen arbeiten, die auch ohne Cloud funktionieren, bleibt unklar, wie chinesische Systeme mit Ausfällen umgehen. Der Wuhan-Vorfall vom März 2026 zeigt: Auch Baidu ist nicht immun gegen Systemabstürze. Doch während Waymo seine Fehler öffentlich macht und daraus lernt, bleibt China stumm.

Wer gewinnt? Wer verliert?

Die Gewinner sind klar: Chinas Tech-Konzerne. Sie profitieren von staatlicher Unterstützung, einer wachsenden Infrastruktur und einem riesigen Heimatmarkt. Die Verlierer? Europäische und US-amerikanische Unternehmen, die mit regulatorischen Hürden und hohen Kosten kämpfen.

Doch der größte Verlierer könnte die Sicherheit sein. Autonome Fahrzeuge sind nur so gut wie die Daten, die sie liefern. Wenn China weiterhin auf Intransparenz setzt, wird der globale Wettbewerb zu einem Wettlauf ins Ungewisse. Die Frage ist nicht, ob chinesische Robotaxis nach Europa kommen – sondern wann. Und ob Europa dann noch die Standards setzen kann.

Oder ob es sich damit abfindet, dass die Zukunft des Fahrens in einer Blackbox stattfindet.