Chinas Ökostrom verpufft: Warum der Erneuerbaren-Rekord die CO₂-Bilanz nicht rettet
Nachhaltigkeit

Chinas Ökostrom verpufft: Warum der Erneuerbaren-Rekord die CO₂-Bilanz nicht rettet

China baut Wind- und Solarkapazitäten auf Rekordniveau aus – doch die CO₂-Emissionen steigen. Grund ist ein marodes Stromnetz, das die grüne Energie nicht aufnehmen kann. Derweil kämpft die EV-Industrie mit Gewinneinbrüchen und Microsoft mit den Emissionen seiner KI-Datenzentren.

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Der Himmel über Peking ist an diesem Frühlingstag 2026 ungewöhnlich klar. Windräder drehen sich auf den Hügeln der Inneren Mongolei, Solarfelder glitzern in der Gobi-Wüste. Doch ein Großteil der sauberen Energie, die sie produzieren, wird nie genutzt. Sie verpufft.

Chinas CO₂-Emissionen stiegen im ersten Quartal 2026 um zwei Prozent – obwohl die installierte Windkraftkapazität um 23 Prozent und die Solarkapazität um 33 Prozent wuchsen. Der Grund: Das Stromnetz kann die Flut an Ökostrom nicht aufnehmen. Ein Systemfehler, der die Klimabilanz des Landes belastet und die globale Energiewende in Frage stellt.

Veränderung im Vergleich zum VorjahresquartalVeränderung im Vergleich zum Vorjahresquartal

Kernzahlen:

  • Chinas CO₂-Emissionen stiegen im Q1 2026 um 2 % trotz Rekordausbau von Wind (+23 %) und Solar (+33 %)
  • BYDs Gewinn brach im Q1 2026 um 55 % ein, der Umsatz um 12 % – trotz 60 % NEV-Durchdringung in China
  • Microsofts CO₂-Fußabdruck stieg seit 2020 um 23,4 % – 97 % entfallen auf Scope 3 (Lieferkette)
  • Waymo schickt ausgemusterte Robotaxi-Batterien als stationäre Stromspeicher ins Netz – ein Modell für Second-Life-Nutzung

Wenn die Windräder leerlaufen

Die Zahl klingt paradox: 23 Prozent mehr Windkraft, 33 Prozent mehr Solar – und trotzdem steigen die Emissionen. Der Hauptgrund für die Verschwendung von Wind- und Solarstrom war die unflexible Bewirtschaftung von Kohlekraftwerken und Stromnetzen, nicht der Mangel an Netzinfrastruktur, heißt es in der Carbon-Brief-Analyse. Anders gesagt: Die Kohlekraftwerke fahren nicht runter, wenn der Wind weht. Sie laufen weiter – und blockieren die Einspeisung erneuerbarer Energien.

Die Folge: Die Stromerzeugung aus Kohle und Gas stieg im ersten Quartal 2026 um vier Prozent. Wären die Kapazitätsfaktoren von Wind und Solar stabil geblieben, hätte der Zubau zusätzliche 160 Terawattstunden sauberen Strom liefern können – genug, um den gesamten Nachfrageanstieg von 120 TWh zu decken. Tatsächlich kamen nur 60 TWh an. Der Rest? Verpufft.

Stromerzeugung aus Kohle und Gas sowie potenzielle und tatsächliche zusätzliche Erzeugung aus ErneuerbarenStromerzeugung aus Kohle und Gas sowie potenzielle und tatsächliche zusätzliche Erzeugung aus Erneuerbaren

Ein Problem, das China teuer zu kommen droht. Denn während Peking auf erneuerbare Energien setzt, um seine Abhängigkeit von fossilen Importen zu reduzieren, zeigt die Blockade der Straße von Hormus im Frühjahr 2026 die Verwundbarkeit des Systems. Die Unfähigkeit, neue Wind- und Solarkraftwerke voll zu nutzen, machte China anfälliger für die Schließung der Straße von Hormus, indem sie den Bedarf an anderen Brennstoffen erhöhte, warnt die Analyse.

BYD stürzt ab – trotz Rekordmarkt

Während das Stromnetz ächzt, kämpft Chinas Vorzeige-Autobauer BYD mit einem historischen Gewinneinbruch. Im ersten Quartal 2026 fiel der Gewinn um 55 Prozent auf 4,1 Milliarden Yuan, der Umsatz sank um zwölf Prozent auf 150 Milliarden Yuan. Dabei hat die Durchdringung von New Energy Vehicles (NEVs) in China die 60-Prozent-Marke überschritten. Ein Paradox?

Nein, sagt eine Analyse des Magazins „The Diplomat“. Der Preiskampf in Chinas Automobilindustrie hat sich zu einem blutigen Ringen entwickelt. Xiaomi, Geely und andere Neueinsteiger drängen in den Markt, senken die Preise, zwingen selbst den Marktführer in die Knie. Der ultimative Gegner einer solchen Lieferkettenstrategie sei die Technologie, schreibt der Autor. Sobald ein technologischer Fortschritt eine Generationsänderung auslöse, stehe das bestehende Lieferkettensystem vor der Auflösung.

Die Analyse warnt: Chinas Strategie, globale Lieferketten durch Rohstoffkontrolle zu dominieren, könnte durch technologische Sprünge – etwa KI-gesteuerte Fertigung oder neue Batteriechemien – obsolet werden. Das Aufkommen der Dampfmaschine machte den Pflugochsen überflüssig; der Aufstieg des Computers schickte den Abakus in die Geschichte.

Second Life: Wenn Batterien das Netz retten

Während China noch nach Lösungen für sein Netzproblem sucht, zeigt eine US-Partnerschaft, wie es gehen könnte: Waymo, der Robotaxi-Pionier aus dem Alphabet-Konzern, schickt ausgemusterte Batterien seiner elektrischen Flotte nicht ins Recycling, sondern als stationäre Stromspeicher ins Netz. Gemeinsam mit dem Unternehmen B2U Storage Solutions werden die gebrauchten Akkus in Kalifornien und Texas installiert.

Indem wir die Nutzung dieser Batterien als Netzspeicher verlängern, schöpfen wir das volle Potenzial von EV-Batterien aus und bieten dem Stromnetz nun entscheidende Stabilität, während der Energiebedarf weiter wächst, sagt Freeman Hall, CEO von B2U Storage Solutions.

Das Modell ist bestechend einfach: EV-Batterien behalten nach ihrem Einsatz im Fahrzeug oft noch 70 bis 80 Prozent ihrer Kapazität. Statt sie zu recyclen, werden sie zu günstigen stationären Speichern umfunktioniert. Waymo-Manager Adam Lenz ergänzt: Durch diese Partnerschaft können wir unsere Batterien für lokale Netzspeicher umnutzen und sicherstellen, dass sie noch lange nach ihrer Ausmusterung wirtschaftlichen und ökologischen Wert für die Gemeinschaft bieten.

Ein Modell, das Schule machen könnte. Auch Rivian hat mit Redwood Materials ein ähnliches Projekt gestartet: Über 100 gebrauchte Batteriepacks speisen ein 10-Megawattstunden-System im Werk Normal, Illinois.

Microsofts KI-Hunger sprengt die Klimabilanz

Doch selbst Giganten der Digitalwirtschaft tun sich schwer mit der Dekarbonisierung. Microsofts CO₂-Emissionen sind seit 2020 um 23,4 Prozent gestiegen – und das, obwohl der Konzern verspricht, bis 2030 klimapositiv zu sein. Der Haupttreiber: der Bau von Rechenzentren für KI und Cloud.

Die größten Treiber unserer Scope-3-Herausforderungen sind grünerer Beton, Stahl, Kraftstoffe und Chips, räumt ein Microsoft-Sprecher ein. Scope 3 – Emissionen, die außerhalb der direkten Kontrolle des Unternehmens entstehen – machen 97 Prozent von Microsofts CO₂-Fußabdruck aus. Der Bau der Datenzentren selbst, nicht ihr Stromverbrauch, ist das Problem: Stahl aus fossil beheizten Hochöfen, Beton, dessen Herstellung CO₂ freisetzt, und Computerchips, deren Lithografieprozesse extrem klimaschädliche Gase wie Hexafluorethan verwenden.

Anteil der Scope-3-Emissionen am gesamten CO₂-FußabdruckAnteil der Scope-3-Emissionen am gesamten CO₂-Fußabdruck

Unser Stromverbrauch ist schneller gewachsen, als die Netze, in denen wir tätig sind, dekarbonisiert wurden, so der Sprecher. Ein Dilemma, das die gesamte Tech-Branche betrifft: Der KI-Boom treibt den Energiebedarf in die Höhe, während die Infrastruktur nicht nachkommt.

Das Lithium-Paradox: Überangebot und Engpass zugleich

Während die Nachfrage nach Batterien steigt, kämpft der Lithiummarkt mit einem paradoxen Problem. Nach dem Preishöhepunkt 2022 (über 80.000 Dollar pro Tonne) stürzten die Preise bis 2024 um 80 bis 90 Prozent ab. Überkapazitäten und Lagerbestände drückten auf den Markt. Doch nun zeichnet sich eine Trendwende ab.

Eine Studie des Fraunhofer ISI warnt vor Versorgungsengpässen in Europa, China und den USA. Das Kernresultat der Studie – steigende Lithiumnachfrage und eine unsichere Versorgungslage – sollte ernst genommen werden, sagt Dr. Christoph Neef, Forscher am Fraunhofer ISI. Europa und die USA blieben importabhängig, nur China könne seinen Bedarf weitgehend selbst decken.

Gleichzeitig investiert China massiv in den Ausbau der Lithiumförderung. Die Übernahme des afrikanischen Lithium-Projekts durch Huayou Cobalt für 210 Millionen Dollar zeigt: Peking sichert sich die Rohstoffe, bevor Europa überhaupt aufwacht. Die EU will bis 2030 zehn Prozent ihres jährlichen Bedarfs an kritischen Rohstoffen selbst fördern – ein ambitioniertes Ziel, das jedoch an der Realität scheitern könnte: Die Genehmigungsverfahren sind langwierig, die Kosten hoch.

Der Preis des Fortschritts

Was bleibt, ist ein Bild der Widersprüche. China baut Rekordmengen an Wind- und Solarkraft zu, kann sie aber nicht nutzen. BYD dominiert den heimischen Markt, bricht aber unter dem Preiskampf ein. Microsoft will klimapositiv werden, aber seine KI-Datenzentren treiben die Emissionen nach oben. Und während die einen Batterien recyclen, schicken andere sie als Second-Life-Speicher ins Netz – ein Modell, das das Lithium-Problem zwar nicht löst, aber zumindest abfedert.

Die entscheidende Frage bleibt: Werden die technologischen Sprünge – KI, neue Batteriechemien, intelligente Netze – die alten Strukturen obsolet machen, bevor die Ressourcenknappheit zuschlägt? Oder werden wir Zeugen eines Wettlaufs, in dem beide Seiten verlieren?

Denn eines ist klar: Die Energiewende ist kein Sprint, sondern ein Marathon – und die Puste scheint auszugehen, bevor die Strecke richtig begonnen hat.