
Chinas Roboautos fahren schon ohne Fahrer – Europa schaut zu
Während deutsche Hersteller noch über Level-3-Zulassungen diskutieren, rollen in Wuhan bereits 500 fahrerlose Taxis. Doch der Vorsprung hat einen Preis – und wirft Fragen auf, die niemand stellt.
Es ist 3 Uhr morgens in Wuhan. Ein Passagier steigt in ein Taxi ohne Fahrer – kein Sicherheitsbegleiter, kein Mensch am Steuer. Nur ein leerer Fahrersitz, ein Touchscreen zur Zielbestätigung und das leise Surren der Elektromotoren. Was wie Science-Fiction klingt, ist in China seit 2022 Realität. Während Deutschland auf die erste kommerzielle Level-4-Zulassung wartet, rollen in Wuhan bereits über 500 fahrerlose Fahrzeuge durch die Straßen. Bis 2025 sollen 65 chinesische Städte autonome Fahrdienste einführen. Europa hingegen diskutiert noch über die Definition von Einsatzgebieten.
Kernzahlen:
- 500+ fahrerlose Robotaxis (Baidu Apollo Go) in Wuhan seit 2022
- 65 Städte in China mit geplanten autonomen Fahrdiensten bis 2025 (Quelle: TechCrunch, WIRED)
- 200+ Städte mit Xpengs City-NGP (Navigation Guided Pilot) (Angabe des Herstellers)
- 2.100 TOPS Rechenleistung bei BYDs Xuanji A3-Chip (L3/L4-fähig) (Herstellerangabe)
Warum China drei Jahre voraus ist
Herstellerangaben (BYD: Xuanji A3 aktuell vs. Zielwert; Tesla: Stand 2024)
Stand 2024/2025 (Quelle: TechCrunch, WIRED, Herstellerangaben)
Im April 2024 ließ China als eines der ersten großen Länder Level-3-Autonomes-Fahren auf öffentlichen Straßen zu – mit einem entscheidenden Unterschied zur deutschen Regulierung: Während § 1d/e StVG hierzulande nur „festgelegte Betriebsbereiche“ erlaubt, gilt die chinesische Genehmigung für zertifizierte Straßenabschnitte im gesamten Land. China setzt auf skalierbare Testzonen, in denen Unternehmen wie Baidu, WeRide oder Pony.ai ihre Systeme unter realen Bedingungen erproben können – mit der Perspektive, diese Zonen schrittweise auszuweiten.
Hinter dieser Strategie steht ein zentrales Prinzip: Mobilität wird als staatlich gesteuerte Infrastruktur behandelt. Während in Europa jeder Mitgliedstaat eigene Regeln aufstellt und selbst innerhalb Deutschlands Bundesländer unterschiedliche Interpretationen des StVG pflegen, gibt es in China eine zentrale Behörde – das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie –, die Standards setzt und deren Umsetzung überwacht. Das Ergebnis: Baidu Apollo Go fährt in Wuhan nicht nur fahrerlos, sondern erwirtschaftet bereits Gewinne. Waymo hingegen pausierte kürzlich seine Dienste in fünf US-Städten wegen Problemen mit Überschwemmungen.
Der chinesische Vorsprung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer gezielten Industrialisierung der Autonomie. Drei Faktoren sind dabei entscheidend:
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Daten als öffentliches Gut Chinesische Tech-Konzerne verfügen über einen Datenschatz, von dem europäische Hersteller nur träumen können. Baidu Apollo hat nach eigenen Angaben über 20 Millionen vollständig autonome Fahrten absolviert – eine Zahl, die Waymo erst 2023 erreichte. Entscheidend ist nicht nur die Menge, sondern die Qualität der Daten: In China werden Verkehrsdaten von Städten, Mobilitätsanbietern und Fahrzeugherstellern in zentralen Plattformen gebündelt. Das ermöglicht es Unternehmen wie Huawei oder Xpeng, ihre Algorithmen mit Szenarien zu trainieren, die in Europa kaum vorkommen – etwa mit Fahrradfahrern, die bei Rot über die Ampel fahren, oder Fußgängern, die plötzlich die Straße betreten.
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Hardware als Massenware Während westliche Hersteller noch über die Vor- und Nachteile von LiDAR diskutieren, hat Huawei mit seinem ADS 3.0-System gezeigt, dass Kameras plus Millimeterwellenradar für Stadtszenarien ausreichen. Der Verzicht auf teure LiDAR-Sensoren senkt die Kosten pro Fahrzeug um bis zu 136.000 RMB (ca. 17.000 Euro). BYD geht noch einen Schritt weiter: Mit dem selbstentwickelten Xuanji A3-Chip will der Konzern die Rechenleistung pro Fahrzeug auf 700 TOPS steigern – bei doppelter Energieeffizienz. Zum Vergleich: Teslas FSD-Computer kommt auf 144 TOPS.
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Ökosystem statt Einzelkämpfer In China arbeiten Tech-Konzerne, Fahrzeughersteller und Städte eng zusammen. Ein Beispiel: Shenzhen hat nicht nur ein eigenes „Smart City Operating System“ eingeführt, das Verkehrsdaten in Echtzeit analysiert, sondern auch dedizierte Fahrspuren für autonome Fahrzeuge eingerichtet. In Europa kämpfen selbst etablierte Player wie Volkswagen noch damit, ihre ID.-Modelle mit einheitlichen Software-Updates zu versorgen. Während deutsche Hersteller über „Software-defined Vehicles“ sprechen, baut China bereits „Software-defined Cities“.
Gewinner und Verlierer im globalen Wettlauf
Die chinesische Dominanz im autonomen Fahren schafft klare Fronten. Die größten Profiteure sind die Tech-Konzerne, die ihre KI-Expertise in eine neue Branche übertragen. Baidu, lange als „Google Chinas“ bekannt, hat mit Apollo Go ein profitables Standbein aufgebaut. WeRide, das 2024 an die NYSE ging, expandiert in die Vereinigten Arabischen Emirate und Singapur – und plant, seine Technologie für autonome LKWs in Europa zu vermarkten. Selbst Huawei, das mit Smartphone-Problemen kämpft, hat mit dem ADS-System einen Fuß in der Automobilindustrie.
Die Fahrzeughersteller stehen vor einem Dilemma: Wer wie BYD oder NIO früh auf Autonomie setzt, kann sich als Innovator positionieren – wer zu spät kommt, riskiert, zum reinen Hardware-Lieferanten degradiert zu werden. Auf der Autoausstellung in Shenzhen zeigte BYD nicht nur sein neues „God’s Eye“-System (ein LiDAR-basiertes Assistenzsystem, das auch in Einstiegsmodellen verfügbar sein soll), sondern auch eine „Autonome Drift-Erfahrungszone“, in der Besucher selbst erleben können, wie ein Fahrzeug ohne Fahrer Kurven nimmt. Für europäische Hersteller, die noch über Level-2-Zulassungen diskutieren, ist das eine Provokation.
Am stärksten unter Druck geraten jedoch die traditionellen Zulieferer. Unternehmen wie Bosch, Continental oder ZF, die jahrzehntelang die Sensorik und Steuergeräte für die Automobilindustrie lieferten, sehen sich mit einer Konkurrenz konfrontiert, die nicht nur günstiger, sondern auch schneller ist. Chinesische Hersteller wie Robosense oder Hesai produzieren LiDAR-Sensoren, die präziser und deutlich kostengünstiger sind als westliche Modelle. Die Folge: Selbst deutsche Premiumhersteller wie Audi oder BMW setzen zunehmend auf chinesische Zulieferer – ein Trend, der sich mit der Expansion autonomer Fahrdienste noch beschleunigen dürfte.
Europas blinde Flecken
Die europäische Debatte über autonomes Fahren wird von zwei Themen dominiert: Sicherheit und Datenschutz. Beide sind wichtig, verstellen aber den Blick auf das eigentliche Problem. Während in Brüssel über ethische Implikationen von Algorithmen diskutiert wird, hat China eine pragmatischere Lösung gefunden: Autonomie wird als Dienstleistung verkauft.
Baidu Apollo Go ist kein Fahrzeug, das man kauft – es ist ein Mobilitätsangebot, das man per App bucht. Das hat zwei entscheidende Vorteile:
- Skalierbarkeit: Statt jedes Fahrzeug mit teurer Hardware auszustatten, können Betreiber wie Baidu ihre Flotte zentral verwalten und updaten. Die Kosten pro Fahrt sinken, während die Auslastung steigt.
- Akzeptanz: Menschen gewöhnen sich schneller an autonome Fahrzeuge, wenn sie sie nicht besitzen müssen. In Wuhan nutzen bereits Zehntausende täglich die Robotaxis – nicht aus Überzeugung, sondern aus Bequemlichkeit.
Europa hingegen setzt auf Eigentum statt Nutzung. Die Folge: Selbst wenn ein Hersteller wie Mercedes eine Level-3-Zulassung erhält, wird das System zunächst nur in Premiumfahrzeugen verfügbar sein – und damit für die breite Masse unerreichbar. Während China autonome Mobilität als öffentliche Infrastruktur behandelt, bleibt sie in Europa ein Luxusgut.
Doch der vielleicht größte blinde Fleck in der europäischen Debatte ist die Frage der Souveränität. Wenn chinesische Unternehmen wie ZYT (Zhuoyu Technology) bereits heute in Braunschweig ein Europa-Hauptquartier eröffnen und mit Volkswagen ein Pilotprojekt für autonome Nutzfahrzeuge starten, geht es nicht mehr nur um Technologie – es geht um Kontrolle. ZYT wirbt damit, ein „multimodales KI-Modell“ für den europäischen Markt entwickelt zu haben, das ohne Hochpräzisionskarten auskommt. Das bedeutet: Chinesische Anbieter sind nicht mehr auf europäische Kartendienste wie HERE angewiesen, sondern können ihre Systeme autark betreiben.
Huaweis Chef der Intelligent Automotive Solution BU, Jin Yuzhi, sagte dazu: „Level 3 ist eine unverzichtbare Zwischenstufe auf dem Weg zur vollständigen Autonomie – 2026 könnte das Startjahr für das globale autonome Fahren werden.“
Drei mögliche Zukunftsszenarien
Wie könnte sich die Entwicklung bis 2030 gestalten? Drei Szenarien erscheinen plausibel:
1. Das „China First“-Szenario
Bis 2030 dominieren chinesische Anbieter den globalen Markt für autonome Fahrdienste. Baidu Apollo Go expandiert in 100 Städte weltweit, WeRide übernimmt den Güterverkehr auf europäischen Autobahnen, und Huaweis ADS-System wird zum De-facto-Standard für asiatische und afrikanische Märkte. Europa bleibt ein Nischenmarkt für Premiumhersteller, die ihre Systeme mit hohen Kosten und begrenzter Skalierung betreiben. Die Folge: Die Abhängigkeit von chinesischer Technologie wächst – nicht nur bei Batterien, sondern auch bei Software und Sensorik.
2. Das Szenario der „regulierten Koexistenz“
Europa schafft einen eigenen regulatorischen Rahmen, der Autonomie fördert, ohne die Sicherheit zu vernachlässigen. Deutsche Städte wie Hamburg oder München führen dedizierte Zonen für autonome Fahrzeuge ein, und Unternehmen wie Volkswagen oder BMW entwickeln eigene Robotaxi-Dienste – allerdings mit chinesischer Hardware. Die Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern wird zur Norm, aber europäische Hersteller behalten die Kontrolle über die Software. Der Preis: Höhere Kosten und langsamere Innovation, aber mehr Souveränität.
3. Das Szenario des „disruptiven Rückstands“
Europa verschläft die Entwicklung und wird zum Absatzmarkt für chinesische Mobilitätsdienste. Während in Shenzhen und Wuhan autonome Fahrzeuge längst zum Alltag gehören, diskutieren deutsche Städte noch über die Zulassung von Robotaxis. Die Folge: Europäische Hersteller verlieren nicht nur den Anschluss bei der Technologie, sondern auch bei der Wertschöpfung. Die Automobilindustrie, einst ein Garant für Wohlstand, wird zum Montagebetrieb für asiatische Tech-Konzerne.
Die unbequeme Frage: Was tun?
Die Antwort hängt davon ab, was Europa will: Technologieführerschaft oder Souveränität? Beide Ziele gleichzeitig zu erreichen, wird schwierig. Doch es gibt Ansätze, die zumindest eine Chance bieten:
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Daten teilen, Standards setzen Europa braucht eine zentrale Plattform für Verkehrsdaten, die von Städten, Herstellern und Mobilitätsanbietern gemeinsam genutzt wird. Das Modell könnte sich an Chinas „Smart City Operating System“ orientieren – allerdings mit strengen Datenschutzregeln. Gleichzeitig müssen einheitliche Standards für autonome Fahrzeuge geschaffen werden, die über nationale Grenzen hinweg gelten.
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Autonomie als Dienstleistung denken Statt jedes Fahrzeug mit teurer Hardware auszustatten, sollten europäische Städte Pilotprojekte für autonome Shuttles und Robotaxis starten – ähnlich wie in Hamburg, wo bereits autonome Busse im Hafengebiet fahren. Entscheidend ist, dass diese Dienste nicht als Experiment, sondern als Teil der öffentlichen Infrastruktur behandelt werden.
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Zulieferer stärken, Abhängigkeiten reduzieren Europäische Zulieferer wie Bosch oder Continental müssen subventionierte Partnerschaften mit Tech-Startups eingehen, um ihre Sensorik und Software zu verbessern. Gleichzeitig sollte die EU Forschungsprogramme für autonome Systeme auflegen, die gezielt europäische Unternehmen fördern – ähnlich wie das „Chips Act“-Programm für Halbleiter.
Doch all diese Maßnahmen werden nichts nützen, wenn Europa nicht eines lernt: Autonomes Fahren ist kein technisches, sondern ein politisches Problem. Solange jeder Mitgliedstaat eigene Regeln aufstellt und die Industrie in endlosen Debatten über Ethik und Sicherheit gefangen bleibt, wird China weiter vorpreschen. Die Frage ist nicht, ob autonome Fahrzeuge kommen – sondern wer sie kontrolliert. Während Europa noch diskutiert, hat China bereits eine klare Antwort: Die Zukunft gehört nicht den Herstellern, sondern den Tech-Konzernen.
Quellen
- 极氪制造,Waymo 首款 robotaxi 专用车“Ojai”上路服务
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