JD.com: Wie Chinas E-Commerce-Riese den Westen mit Robotik und KI überrollt
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JD.com: Wie Chinas E-Commerce-Riese den Westen mit Robotik und KI überrollt

JD.com baut ein geschlossenes Ökosystem aus E-Commerce, Logistik und Robotik auf, das westliche Wettbewerber nicht kopieren können. Mit 4000 Kfz-Stationen als Testfeld für humanoide Roboter und einem Datenkreislauf aus Milliarden Interaktionen treibt der Konzern eine Preis- und Skalierungsoffensive, die Europa vor existenzielle Herausforderungen stellt. Die EU prüft zwar die Übernahme von MediaMarktSaturn, übersieht aber die eigentliche Bedrohung: die Fähigkeit, Robotik und KI in tausenden Filialen sofort zu skalieren.

20 Min. Lesezeit~3.980 Wörter

Die Stille Revolution: Wie JD.com den Westen mit einem Ökosystem überrollt, das niemand kopieren kann

Es begann mit einem Kfz-Service. 4000 Stationen in einem Jahr. Mehr als alle deutschen Autohäuser zusammen jemals an Robotik eingesetzt haben. Aber das eigentlich Beunruhigende ist nicht die Zahl. Es ist die Tatsache, dass JD.com in diesen Stationen humanoide Roboter als „Chief Silicon Experience Officer“ beschäftigt – noch bevor die meisten westlichen Unternehmen einen einzigen humanoiden Roboter in einer Produktionslinie haben. Und während die EU-Kommission die Übernahme von MediaMarktSaturn durch JD.com wegen mutmaßlicher chinesischer Subventionen prüft, übersieht sie die eigentliche Bedrohung: Nicht der Kaufpreis ist das Problem, sondern die Fähigkeit von JD.com, Robotik und KI in tausenden eigenen Filialen sofort zu skalieren.

Das ist keine Zukunftsmusik. Das ist Gegenwart.

Der Datenkreislauf, den der Westen nicht versteht

Wenn man verstehen will, warum Chinas Robotik-Offensive anders ist als alles, was Europa oder Japan je gesehen haben, muss man sich JD.com genauer ansehen. Der Konzern ist nicht einfach ein E-Commerce-Unternehmen, das zufällig auch Roboter baut. Er ist ein geschlossenes Ökosystem, in dem jede Transaktion, jede Kundeninteraktion, jeder Logistikschritt Daten generiert, die wiederum in die Robotik-Entwicklung fließen.

Die 4000 Kfz-Service-Stationen sind dafür das perfekte Beispiel. JD.com hat sie nicht gebaut, weil der Autoservice besonders profitabel wäre. Sondern weil jede Station ein Testfeld für Robotik ist. Wenn ein humanoider Roboter dort einen Reifen wechselt, lernt er nicht nur den Reifenwechsel. Er lernt, wie Kunden reagieren, wie Werkzeuge liegen, wie sich der Arbeitsfluss optimieren lässt. Und diese Daten fließen zurück in die Zentrale, wo sie mit den Daten aus 7 Milliarden Nutzerinteraktionen und 3 Milliarden Autobesitzerprofilen kombiniert werden.

„We see a path to getting to 20 million throughput out of 2,500 square feet with just 12 people“, sagte Marc Lore, CEO von Wonder, kürzlich auf der Wall Street Journal-Konferenz. Er sprach über Restaurantküchen, aber das Prinzip ist universell: Robotik skaliert nicht linear, sondern exponentiell – wenn man die Daten hat.

JD.com hat diese Daten. MediaMarktSaturn hat 1000 Filialen in elf Ländern. JD.com hat 4000 Kfz-Stationen in einem Land. Die Kombination wäre ein Datenschatz, der jeden Wettbewerber alt aussehen lässt. Und genau deshalb prüft die EU die Übernahme – nicht wegen des Kaufpreises, sondern weil sie ahnt, was mit diesen Daten passieren könnte.

Die Preislawine, die niemand aufhalten kann

Während die EU über Subventionen debattiert, hat sich in China längst ein Preiswettbewerb entwickelt, der die etablierten Hersteller aus Japan und Europa in eine Zwickmühle treibt. Das chinesische Startup LimX Dynamics verkauft seinen humanoiden Roboter Luna für 41.000 US-Dollar. Zum Vergleich: Boston Dynamics hat für Atlas nie einen offiziellen Preis genannt, aber Branchenkenner schätzen ihn auf das Zehnfache. Luna hat 27 Freiheitsgrade, kann KI-gestützt Tanzen lernen und wird in Einkaufszentren, Themenparks und als NPC in Rollenspielen eingesetzt.

„To get into robotics, you no longer need a Ph.D.“, sagte Spencer Huang, Nvidias Director of Product for Robotics. Dieser Satz beschreibt die Demokratisierung der Robotik-Entwicklung – aber er beschreibt auch die Bedrohung für etablierte Hersteller. Wenn ein Startup aus Shenzhen einen humanoiden Roboter für den Preis eines Mittelklassewagens anbieten kann, während ein japanischer Hersteller für den gleichen Funktionsumfang das Fünffache verlangt, dann ist der Markt bereits entschieden.

Die Preisunterschiede sind kein Zufall. Sie sind das Ergebnis einer systematischen Industriepolitik. Chinas 14. Fünfjahresplan setzt ein Umsatzziel von 200 Milliarden RMB für die Robotik-Industrie bis 2025 – erreicht wurden 2022 bereits 130 Milliarden RMB. Die Subventionen für chinesische Robotik-Käufer liegen bei 15 bis 25 Prozent des Kaufpreises. Die Lieferzeiten: drei bis vier Monate, verglichen mit neun bis zwölf Monaten bei japanischen Herstellern.

Estun Automation, ein chinesischer Hersteller aus Shanghai, wuchs 2023 um 29 Prozent. Seine Roboter kosten 40 bis 60 Prozent weniger als vergleichbare Modelle von Fanuc oder ABB. Und das ist erst der Anfang.

Open Source als Waffe

Was viele im Westen nicht verstehen: Chinas Robotik-Offensive profitiert massiv von Open-Source-Plattformen, die eigentlich globale Zusammenarbeit fördern sollen. Hugging Face, die Plattform, auf der Nvidia seine Open-Source-Roboter-Modelle hostet, hat seit Mai 2024 die Anzahl der Robotik-Datensätze von 1.145 auf über 58.000 gesteigert. Ein Wachstum um das 50-fache in zwei Jahren.

„If you gate pre-training, the field just never grows“, sagte Huang. Das ist Nvidias Philosophie: Offene Modelle, damit die Community darauf aufbauen kann. Aber in der Praxis bedeutet das, dass chinesische Unternehmen kostenlos auf die gleichen KI-Modelle zugreifen können wie ihre Konkurrenten in Kalifornien oder München – und dann mit staatlich subventionierter Produktion und schnellerer Skalierung daraus kommerzielle Produkte machen.

Das chinesische Startup Om AI Technology hat diesen Ansatz perfektioniert. Statt riesige Cloud-Modelle zu trainieren, konzentriert es sich auf Edge-KI für Kameras, PCs und Roboter. Seine Modelle laufen lokal, brauchen keine teure Cloud-Infrastruktur und können millisekundenschnell Entscheidungen treffen. Das ist genau die Art von Technologie, die in den 4000 JD.com-Kfz-Stationen zum Einsatz kommen könnte – ohne dass dafür eine Internetverbindung nötig wäre.

Die Ironie: Während Europa über Regulierung und Protektionismus debattiert, liefern amerikanische Unternehmen wie Nvidia und Google die Schlüsseltechnologien, die Chinas Robotik-Offensive erst möglich machen. „We should be able to provide a high-quality, state-of-the-art pre-trained model that anyone can go and take and fine tune for their own purposes“, sagte Huang. Und genau das tun chinesische Unternehmen – nur schneller und in größerem Maßstab als ihre westlichen Konkurrenten.

Die Lektion aus den 1980ern

Es gibt eine historische Parallele, die viele im Westen ignoriert haben. In den 1980er Jahren demontierte Japan die europäische Industrierobotik-Industrie. Fanuc, Yaskawa und Kawasaki dominierten den Markt, während europäische Hersteller wie Kuka und ABB nur Nischen besetzten. Die Japaner waren billiger, zuverlässiger und lieferten schneller. Europa reagierte mit Protektionismus – und verlor trotzdem.

Heute wiederholt sich die Geschichte, nur mit anderen Akteuren. China ist das neue Japan. Die Preise sind noch niedriger, die Lieferzeiten noch kürzer, die staatliche Unterstützung noch massiver. Und diesmal geht es nicht nur um Industrieroboter, sondern um die gesamte Wertschöpfungskette: von der KI-Entwicklung über die Hardware-Produktion bis zur Integration in tausende von Filialen und Service-Zentren.

„We’ll be a museum“, warnte ein EU-Beamter kürzlich im South China Morning Post. Er bezog sich auf die Folgen des fehlenden Industrial Accelerator Act. Aber das Zitat trifft den Kern des Problems: Europa droht, zum Museum der Robotik zu werden – ein Ort, an dem man die Technologie von gestern bewundert, während China die Fabriken von morgen baut.

Die deutsche Autoindustrie ist dafür das beste Beispiel. Sie ist der größte Robotik-Abnehmer in Europa. Aber die Budgetkürzungen bei VW, BMW und Stellantis haben die Investitionspläne für 2024 ausgebremst. Während chinesische Hersteller ihre Fabriken mit Robotern vollstellen, die sie selbst entwickelt haben, zögern deutsche Autobauer – und verlieren damit den Anschluss.

Die Grenzen des Protektionismus

Die EU-Kommission prüft die JD.com-Übernahme von MediaMarktSaturn wegen mutmaßlicher chinesischer Subventionen. Die Verordnung über drittstaatliche Subventionen, die seit Juli 2023 gilt, erlaubt Brüssel, gegen Wettbewerbsverzerrungen vorzugehen. JD.com hat angekündigt, dass es „keine staatlichen Subventionen erhalten hat, die zu einer Wettbewerbsverzerrung in der EU führen könnten“. Die Kommission hat 90 Tage Zeit für ihre Untersuchung.

Das Problem: Protektionismus allein wird nicht reichen. Selbst wenn die EU die Übernahme untersagt, ändert das nichts an der grundlegenden Dynamik. JD.com könnte einfach einen anderen europäischen Händler kaufen – oder seine Robotik-Plattform über Partnerschaften in Europa einführen, ohne eine einzige Aktie zu erwerben.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob JD.com MediaMarktSaturn kaufen darf. Die Frage ist, ob Europa in der Lage ist, ein eigenes integriertes Robotik-Ökosystem aufzubauen. Bisher sieht es nicht danach aus. Die europäischen Robotik-Hersteller – ABB, Kuka, Fanuc (japanisch, aber mit starker europäischer Präsenz) – sind technologisch gut, aber ihnen fehlt die vertikale Integration. Sie haben keine tausenden eigenen Filialen, in denen sie ihre Roboter testen und skalieren könnten. Sie haben keine 7 Milliarden Nutzerprofile, die sie mit ihren Robotik-Daten kombinieren könnten.

„We’ll be a museum“ – dieser Satz ist kein Alarmismus. Er ist eine realistische Einschätzung der Lage.

Die zweite Front: Humanoide Roboter für den Massenmarkt

Während die meisten westlichen Unternehmen noch darüber diskutieren, ob humanoide Roboter überhaupt sinnvoll sind, hat China bereits den Massenmarkt geöffnet. LimX Dynamics‘ Luna ist nur ein Beispiel. Unitree, ein anderes chinesisches Unternehmen, verkauft seinen humanoiden Roboter G1 für einen Bruchteil dessen, was Boston Dynamics verlangt. Und JD.com setzt diese Roboter nicht nur in seinen Kfz-Stationen ein, sondern testet sie auch in Logistikzentren und sogar im Kundenservice.

Die technologische Entwicklung ist atemberaubend. Boston Dynamics‘ Atlas – der als der fortschrittlichste humanoide Roboter der Welt gilt – kann inzwischen einen Kühlschrank heben. Nicht nur das: Das Unternehmen hat gezeigt, dass Atlas durch Reinforcement Learning gelernt hat, schwere Gegenstände zu manövrieren, indem er seinen gesamten Körper einsetzt, nicht nur die Hände. „Just months after its debut, Atlas is proving why it is the world’s most capable and dynamic humanoid robot, ready for real work“, schrieb IEEE Spectrum.

Aber Atlas kostet ein Vermögen. Luna kostet 41.000 Dollar. Und während Boston Dynamics seine Technologie noch im Labor testet, hat JD.com bereits 4000 Stationen, in denen humanoide Roboter arbeiten.

Die entscheidende Frage ist nicht, wer den besseren Roboter hat. Die entscheidende Frage ist, wer die bessere Infrastruktur hat, um Roboter zu trainieren, zu testen und zu skalieren. Und da liegt China meilenweit vorne.

Die strategische Lücke der US Navy

Es gibt einen Moment in der Analyse, der die Asymmetrie zwischen chinesischer und westlicher Robotik-Strategie perfekt illustriert. Die US Navy hat kürzlich mit Gecko Robotics den größten Robotik-Deal ihrer Geschichte abgeschlossen: 71 Millionen Dollar für die Inspektion von 18 Schiffen. Das ist ein Bruchteil dessen, was China in eigene Robotik-Infrastruktur investiert.

Gecko Robotics‘ Gründer Jake Loosararian beschrieb die Vision: „We’re helping to ensure that our critical assets live as long as they can and never are down.“ Die US Navy will bis 2027 eine Flottenbereitschaft von 80 Prozent erreichen. Heute sind etwa 40 Prozent der Flotte wegen langer Wartungszyklen nicht einsatzbereit.

Das klingt nach einer vernünftigen Investition. Aber der Vergleich mit China zeigt die Schieflage: Während die US Navy 71 Millionen Dollar für 18 Schiffe ausgibt, investiert China das Hundertfache in die Entwicklung von Robotern, die nicht nur Schiffe inspizieren, sondern ganze Fabriken betreiben, Logistikzentren managen und Kunden betreuen können.

Die US Navy hat einen taktischen Deal abgeschlossen. China führt einen strategischen Krieg.

Die Waymo-Lektion

Ein weiteres Beispiel für die unterschiedliche Risikokultur: Waymo, der US-amerikanische Robotaxi-Pionier, hat nach einem einzigen Zwischenfall mit überfluteten Straßen den Betrieb in fünf US-Städten pausiert. Ein leeres Waymo-Fahrzeug war in San Antonio in einen überfluteten Bach gespült worden. Daraufhin rief Waymo fast 3800 Fahrzeuge zurück und stoppte den Dienst auf Autobahnen in San Francisco, Los Angeles, Phoenix und Miami.

In China wäre das undenkbar. Als Apollo Go, das Robotaxi-Unternehmen von Baidu, einen ähnlichen Vorfall in Wuhan hatte – ein Massenausfall, bei dem mindestens hundert selbstfahrende Autos mitten im Verkehr stehen blieben – gab es keine flächendeckende Pause. Die chinesischen Betreiber machen einfach weiter.

Das ist kein Zeichen von Überlegenheit. Es ist ein Zeichen von unterschiedlicher Risikobereitschaft und regulatorischer Kultur. Aber in der Robotik, wo Skalierung alles ist, bedeutet diese Risikobereitschaft einen entscheidenden Vorteil. Während Waymo Monate damit verbringt, seine Software zu überarbeiten, sammeln chinesische Betreiber weiter Daten, trainieren weiter Modelle und bauen weiter Infrastruktur.

Die dritte Front: Software und Simulation

Nvidia hat erkannt, dass der eigentliche Wettbewerb nicht in der Hardware stattfindet, sondern in der Software. Das Unternehmen hat eine Open-Source-Robotik-Plattform aufgebaut, die den gesamten Entwicklungsprozess abdeckt: Cosmos für synthetische Trainingsdaten, GR00T für die Ausführung komplexer Aufgaben, Isaac für die Orchestrierung von Training, Simulation und Einsatz.

„If you gate pre-training, the field just never grows“, sagte Huang. Nvidia will, dass möglichst viele Unternehmen seine Plattform nutzen – denn das schafft Abhängigkeiten und sichert Nvidias Position als Lieferant der zugrundeliegenden Hardware.

Aber auch hier profitiert China überproportional. Während europäische Unternehmen oft zögern, Open-Source-Plattformen zu nutzen, weil sie Bedenken wegen geistigen Eigentums oder Sicherheit haben, integrieren chinesische Unternehmen Nvidias Tools nahtlos in ihre Entwicklungsprozesse. Das Ergebnis: kürzere Entwicklungszeiten, niedrigere Kosten und schnellere Markteinführung.

Die chinesische Regierung hat das verstanden und fördert die Nutzung von Open-Source-Plattformen gezielt. Im Rahmen des 14. Fünfjahresplans gibt es spezielle Programme, die Unternehmen dabei unterstützen, Open-Source-Robotik-Software zu adaptieren und weiterzuentwickeln. Das ist kein Widerspruch zum strategischen Nationalismus – es ist seine intelligente Umsetzung.

Was das für deutsche Arbeitsplätze bedeutet

Die Frage, die jeden deutschen Leser interessiert: Was bedeutet das für VW, BMW, Bosch und die Arbeitsplätze in der deutschen Industrie?

Die kurze Antwort: Es wird wehtun. Die deutsche Autoindustrie ist der größte Robotik-Abnehmer in Europa. Wenn chinesische Hersteller ihre Roboter zu Preisen anbieten können, die 40 bis 60 Prozent unter denen von Fanuc oder ABB liegen, werden deutsche Autobauer früher oder später umsteigen – oder ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Die längere Antwort: Es kommt darauf an, wie Europa reagiert. Wenn die EU weiterhin auf Protektionismus setzt und die Übernahme von MediaMarktSaturn durch JD.com blockiert, wird das kurzfristig helfen. Langfristig wird es den Niedergang nur verzögern, nicht aufhalten.

Die eigentliche Lösung wäre ein europäisches Robotik-Ökosystem, das dem chinesischen ebenbürtig ist. Aber das setzt voraus, dass europäische Unternehmen bereit sind, in Robotik zu investieren – nicht nur in Hardware, sondern auch in Software, Dateninfrastruktur und vor allem in die vertikale Integration. Bisher ist davon wenig zu sehen.

Bosch, der größte deutsche Automobilzulieferer, hat eigene Robotik-Aktivitäten. Aber sie sind fragmentiert und erreichen nicht die Skalierung, die JD.com oder Alibaba vorweisen können. Die deutschen Autobauer VW und BMW haben Robotik-Startups gekauft, aber sie nutzen sie vor allem für Nischenanwendungen, nicht für die flächendeckende Automatisierung ihrer Fabriken.

Das Problem ist nicht mangelnde Technologie. Das Problem ist mangelnde Strategie.

Die Zukunftsszenarien

Es gibt drei mögliche Szenarien für die nächsten fünf bis zehn Jahre.

Szenario Eins: Europa reagiert mit massiven Investitionen in eigene Robotik-Infrastruktur. Die EU schafft einen Fonds für vertikal integrierte Robotik-Ökosysteme, ähnlich wie China es getan hat. Europäische Unternehmen bauen eigene Testfelder, eigene Datenplattformen und eigene Skalierungsmechanismen. Die Autoindustrie investiert massiv in Robotik, nicht nur für die Produktion, sondern auch für Service und Logistik. Ergebnis: Europa bleibt wettbewerbsfähig, verliert aber Marktanteile an China.

Szenario Zwei: Europa setzt weiter auf Protektionismus und Regulierung. Die EU blockiert chinesische Übernahmen, erschwert den Marktzugang und subventioniert eigene Hersteller. Aber ohne die vertikale Integration und die Datenökosysteme, die China hat, bleiben diese Maßnahmen Stückwerk. Ergebnis: Europa verliert langsam, aber stetig an Boden. Die deutsche Autoindustrie schrumpft. Arbeitsplätze gehen verloren.

Szenario Drei: Europa gibt auf. Die Erkenntnis, dass man gegen Chinas integriertes Ökosystem nicht ankommt, führt zu einer strategischen Neuausrichtung. Europa konzentriert sich auf Nischen, in denen es stark ist – etwa medizinische Robotik oder Spezialanwendungen für die Luft- und Raumfahrt. Die Massenrobotik wird chinesisch dominiert. Ergebnis: Europa wird zum Museum, wie der EU-Beamte warnte.

Welches Szenario eintritt, hängt von den Entscheidungen ab, die jetzt getroffen werden. Aber die Zeit drängt. JD.com hat bereits 4000 Kfz-Stationen. Hugging Face hat 58.000 Robotik-Datensätze. Nvidia hat seine Open-Source-Plattform gestartet. Die nächsten zwei Jahre werden entscheiden, ob Europa noch eine Chance hat.

Die letzte Chance

Es gibt einen Grund, warum die EU-Kommission die JD.com-Übernahme so genau prüft. Es ist nicht der Kaufpreis. Es ist die Erkenntnis, dass hier ein Unternehmen versucht, ein Ökosystem zu importieren, das Europa nicht hat – und das Europa vielleicht nie haben wird.

JD.com hat nicht nur Geld. JD.com hat Daten. 7 Milliarden Nutzerprofile. 3 Milliarden Autobesitzer. 4000 Kfz-Stationen. 1000 MediaMarktSaturn-Filialen. Wenn diese Daten mit Robotik kombiniert werden, entsteht ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt: Mehr Daten führen zu besseren Robotern, die mehr Daten generieren, die zu noch besseren Robotern führen.

Europa hat diesen Kreislauf nicht. Und es wird ihn nicht haben, solange es nicht bereit ist, massiv in die vertikale Integration zu investieren.

Der EU-Beamte, der sagte „We’ll be a museum“, hatte recht. Aber er hätte noch weiter gehen können. Denn ein Museum kann man besuchen, um zu lernen. Wenn Europa zum Museum wird, wird es nicht einmal das sein. Es wird ein Friedhof sein – ein Ort, an dem die Industrie stirbt, während anderswo die Zukunft gebaut wird.

Bis 2030 wird China mehr als die Hälfte aller weltweit installierten Industrieroboter stellen. Die Frage ist nicht, ob das passiert. Die Frage ist, ob Europa dann noch eine eigene Robotik-Industrie hat – oder ob es nur noch die Roboter aus Shenzhen kauft, so wie es heute die Smartphones aus Shenzhen kauft.

Die Chip-Flanke: Wie Huaweis 2D-Prozessor die Spielregeln neu schreibt

Während die öffentliche Debatte über Robotik sich auf humanoide Maschinen und KI-Modelle konzentriert, hat sich an einer anderen Front eine Entwicklung vollzogen, die mindestens ebenso folgenreich ist. Chinesische Forscher haben in Zusammenarbeit mit Huawei den weltweit ersten Parallelprozessor auf Basis eines zweidimensionalen Halbleiters gebaut. Der Chip, genannt Mengqi-1000 oder Magic-1000, verwendet Molybdändisulfid statt Silizium – ein Material, das natürlicherweise atomdünn ist und Elektronen stabiler und effizienter bewegen lässt.

Die Veröffentlichung in Nature Electronics im Mai 2026 markiert einen Wendepunkt. Denn Moores Gesetz – die Beobachtung, dass sich die Rechenleistung etwa alle zwei Jahre verdoppelt – stößt an physikalische Grenzen. Silizium-Transistoren können nicht mehr beliebig kleiner werden. Zweidimensionale Materialien umgehen diese Beschränkung, weil sie keine dritte Dimension haben, die man verkleinern müsste.

Was bedeutet das für die Robotik? Einfach: Chinesische Roboter könnten in wenigen Jahren mit Prozessoren ausgestattet sein, die bei einem Bruchteil des Energieverbrauchs die gleiche Rechenleistung bieten wie heutige Hochleistungschips. Für humanoide Roboter, die ihre KI-Modelle lokal ausführen müssen – ohne Cloud-Anbindung, ohne Latenzzeiten – ist das ein entscheidender Vorteil.

Professor Shi Yi von der Universität Nanjing sagte, diese Entwicklung zeige, dass China nicht nur in der Grundlagenforschung zu 2D-Halbleitern führe, sondern auch den Weg zur Massenproduktion durch Industriekooperaion ebne. Huawei stellt die Fertigungskapazitäten. Die Universität liefert die Grundlagenforschung. Der Staat subventioniert beides.

Während die EU über den Chip Act debattiert und Subventionen in Milliardenhöhe für europäische Halbleiterfabriken verspricht, hat China bereits den nächsten Technologiesprung vollzogen. Der Mengqi-1000 ist kein Prototyp. Er ist ein funktionierender Prozessor, der die Rekordintegrationsdichte für 2D-Halbleiter erreicht hat. Und er wird in Robotern landen, noch bevor die ersten europäischen Chip-Fabriken überhaupt produzieren.

Die Ironie: Huawei steht auf der US-Sanktionsliste. Das Unternehmen darf keine fortschrittlichen Chips aus amerikanischer Produktion beziehen. Also hat es eigene entwickelt – und dabei einen Weg eingeschlagen, der die etablierte Halbleiterindustrie überholen könnte. Das ist nicht nur eine technologische, sondern auch eine geopolitische Verschiebung.

Die Restaurant-Revolution: Warum Wonder die Blaupause für Europas Niedergang liefert

Marc Lore, der E-Commerce-Unternehmer, der seine Startups an Amazon und Walmart verkaufte, hat eine Vision, die erschreckend gut zu JD.coms Strategie passt. Sein Unternehmen Wonder betreibt „programmierbare Kochplattformen“ – Küchen, die als 25 verschiedene Restauranttypen fungieren können, je nachdem, welches Gericht gerade zubereitet wird. In diesen Küchen arbeiten bis zu zwölf Menschen, unterstützt von Förderbändern und Roboterarmen. Wonder hat gerade Spice Robotics gekauft, einen Hersteller automatischer Schüssel-Maschinen, die bisher bei Sweetgreen eingesetzt wurden.

„We see a path to getting to 20 million throughput out of 2,500 square feet with just 12 people“, sagte Lore auf der Wall Street Journal-Konferenz. Das ist nicht nur eine Effizienzsteigerung. Das ist eine radikale Neudefinition von Arbeit. 20 Millionen Mahlzeiten pro Jahr aus 2500 Quadratfuß mit zwölf Menschen – das ist das Ende der traditionellen Gastronomie, wie wir sie kennen.

Wonders Plattform Wonder Create erlaubt es jedem, in weniger als einer Minute ein Restaurant zu gründen. „You type in what kind of restaurant you want to build. It builds the restaurant – AI does – in under a minute. It does the name, branding, description, pictures, pricing, health information, and all the recipes for your restaurant“, erklärte Lore.

Das klingt nach Zukunftsmusik. Aber Wonder hat bereits 120 dieser Küchen in Betrieb und plant 400 für nächstes Jahr. Das Unternehmen hat Grubhub für 250 Millionen Lieferungen pro Jahr gekauft und Blue Apron für sein Kochbox-Geschäft. Es kauft Restaurantmarken wie Blue Ribbon Fried Chicken in New York für 6,5 Millionen Dollar.

Was Wonder macht, ist nichts anderes als das, was JD.com in China macht: vertikale Integration von Produktion, Logistik und Verkauf, unterstützt durch Robotik und KI. Der Unterschied: Wonder macht es in den USA. JD.com macht es in China. Und während Wonder noch in der Skalierungsphase steckt, hat JD.com bereits 4000 Stationen.

Die Frage ist nicht, ob dieses Modell nach Europa kommt. Die Frage ist, wann. Und ob europäische Unternehmen dann noch konkurrieren können.

Die deutsche Gastronomie ist klein strukturiert, familiengeführt, handwerklich orientiert. Sie hat keine 700-Zutaten-Bibliothek, keine programmierbaren Küchen, keine Roboterarme. Wenn Wonder oder JD.com nach Europa kommen – und JD.com hat mit MediaMarktSaturn bereits einen Fuß in der Tür –, dann wird die deutsche Gastronomie vor der gleichen Herausforderung stehen wie die deutsche Autoindustrie: Sie wird gegen ein integriertes Ökosystem antreten müssen, das sie nicht hat.

Die Datenfalle: Warum Hugging Face und Nvidia China unbeabsichtigt stärken

Es gibt ein Paradoxon in der globalen Robotik-Entwicklung, das kaum jemand thematisiert. Die gleichen Open-Source-Plattformen, die die Demokratisierung der Robotik vorantreiben sollen, stärken vor allem ein Land: China. Hugging Face hat seit Mai 2024 die Anzahl der Robotik-Datensätze von 1.145 auf über 58.000 gesteigert. Das ist ein Wachstum um das 50-fache. Und die größten Nutzer dieser Datensätze sind chinesische Unternehmen.

Nvidia hat seine gesamte Robotik-Plattform – Cosmos, GR00T, Isaac – als Open Source bereitgestellt. „If you gate pre-training, the field just never grows“, sagte Spencer Huang. Das ist strategisch klug von Nvidia: Je mehr Unternehmen die Plattform nutzen, desto abhängiger werden sie von Nvidias Hardware. Aber es bedeutet auch, dass chinesische Unternehmen kostenlos auf die gleichen KI-Modelle zugreifen können wie ihre Konkurrenten in Europa oder den USA.

Der Unterschied: Chinesische Unternehmen können diese Modelle sofort in tausenden eigenen Filialen testen und skalieren. Sie haben die Infrastruktur, die Daten, die Kunden. Ein europäisches Startup, das den gleichen Open-Source-Code herunterlädt, hat vielleicht ein Labor und ein paar Testkunden. Die Skalierungsgeschwindigkeit ist eine völlig andere.

Hugging Face hat das erkannt und ist sogar in die Hardware eingestiegen. Das Unternehmen kaufte Pollen Robotics, einen Hersteller von humanoiden Robotern. „The goal, as with the software, was to bring more people in“, sagte CEO Clement Delangue. Aber auch hier profitiert China überproportional, weil die Plattform keine geografischen Beschränkungen kennt.

Die EU debattiert über den Industrial Accelerator Act, über Subventionskontrollen und über Technologietransfer-Beschränkungen. Aber sie ignoriert die Tatsache, dass die wichtigsten Technologien für die nächste Robotik-Generation auf offenen Plattformen entwickelt werden, die China genauso nutzen kann wie Europa. Der Protektionismus greift ins Leere, weil die Waffen, die China einsetzt, auf offenen Standards beruhen.

Die Lösung wäre nicht, Open Source zu verbieten – das wäre technologisch naiv und politisch unmöglich. Die Lösung wäre, eigene Ökosysteme aufzubauen, die mit den chinesischen mithalten können. Aber das setzt Investitionen voraus, die in Europa niemand bereit ist zu tätigen.

Die letzte Rechnung: Was bis 2030 passieren wird

Bis 2030 wird China mehr als die Hälfte aller weltweit installierten Industrieroboter stellen. Die Preise werden weiter fallen. Die Qualität wird weiter steigen. Die Integration von KI, Sensorik und Aktorik wird so weit fortgeschritten sein, dass humanoide Roboter in Massenproduktion gehen können – zu Preisen, die unter denen eines Kleinwagens liegen.

Europa wird dann vor der Wahl stehen: Entweder es kauft chinesische Roboter und verliert seine technologische Souveränität. Oder es baut eigene Roboter, die teurer und weniger leistungsfähig sind – und verliert seine Wettbewerbsfähigkeit.

Die deutsche Autoindustrie wird diesen Prozess als erste zu spüren bekommen. VW, BMW und Mercedes werden gezwungen sein, chinesische Roboter einzusetzen, weil sie sonst nicht mehr konkurrieren können. Die Arbeitsplätze in der deutschen Robotik-Industrie werden verschwinden. Die Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie werden sich verändern – weniger Menschen, mehr Maschinen.

Bosch wird versuchen, sich in Nischen zu retten. ABB wird weiter hochspezialisierte Roboter für die Pharmaindustrie und die Luft- und Raumfahrt bauen. Kuka, längst eine Tochter des chinesischen Midea-Konzerns, wird die Technologie nach China transferieren.

Und JD.com? Es wird MediaMarktSaturn besitzen – oder einen anderen europäischen Händler. Es wird seine Roboter in tausenden Filialen einsetzen. Es wird Daten sammeln, Modelle trainieren, Systeme optimieren. Der Kreislauf wird sich schließen.

Die Frage ist nicht, ob das passiert. Die Frage ist, ob Europa dann noch eine eigene Antwort hat.

Bis 2030 wird diese Frage beantwortet sein. Und wenn die Antwort „nein“ lautet, dann wird der EU-Beamte recht behalten: Europa wird zum Museum. Ein schönes Museum, mit alter Technologie, gut erhalten. Aber ein Museum.